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September 2026

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Raphael Reichl | BMWKMS Startstipendiat 2026

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“Ich entscheide, welche Bilder weiterleben, welche Beziehungen sichtbar werden und wie ich auf das Material zurückblicke”

Raphael Reichl, 1994 in Klosterneuburg geboren, lebt und arbeitet als Künstler und Filmemacher zwischen Wien und Mexiko-Stadt. Er studierte an der Friedl Kubelka Schule für unabhängigen Film und absolvierte ein Studium der ortsbezogenen Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Seine Filme wurden auf internationalen Festivals gezeigt, sein mittellanger Dokumentarfilm La Escondida (2023) wurde mehrfach ausgezeichnet. Für das Startstipendium 2026 arbeitet Raphael an seinem neuen Dokumentarfilmprojekt Für das Glück der Anderen. Ausgehend von einem gemeinsam mit seinem verstorbenen Freund Moritz begonnenen Film über Menschen auf der Flucht entwickelt er einen persönlichen essayistischen Film über Freundschaft, Empathie und die Grenzen zwischen Beobachter und Beobachtetem. 

Du hast an der Friedl Kubelka Schule für unabhängigen Film und ortsbezogene Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert. Wie bist du zum Filmemachen gekommen und was hat dich daran von Anfang an interessiert?

Raphael Reichl: Bevor ich mich bei der Schule Friedl Kubelka bewarb, hat mich bereits der Dokumentarfilm interessiert. Ich machte zuvor einen Auslandszivildienst in Nicaragua. Damals experimentierte ich zwischen mehreren Medien. Bei einem Dokumentarfilm-Workshop in einem Kulturzentrum vor Ort inspirierte mich das Filmemachen, weil es so viele unterschiedliche Facetten verbindet. Über Bewegtbild, Audio, Narrativ und Montage gleichzeitig nachzudenken, forderte mich heraus. Das frühe Interesse bestand darin, andere Lebensrealitäten zu erzählen und politische Arbeit zu machen. Ich war jung und ging mit einem idealistischen Weltbild voran. Später an der Schule Friedl Kubelka und der Angewandten habe ich mir die Zeit nehmen können, die ganze Theorie und Praxis einmal zu vertiefen. Geprägt von der Schule Friedl Kubelka waren meine ersten Projekte Experimentalfilme, in denen eigene Filmideen ohne große institutionelle Hürden und konventionelle Herangehensweisen entstehen. Für mich hat sich eine neue Welt geöffnet, Film als Kunstform zu verstehen. Erst gegen meinen Abschluss an der Universität bin ich wieder zum Dokumentarfilm zurückgekehrt, wobei er immer präsent in meiner Praxis war. Folglich verbinde ich Kunst und Film. Das Geschichtenerzählen verbindet uns alle und darin steckt die Magie, Menschen zusammenzubringen – und darüberstehend eine politische Verantwortung.

In deinen bisherigen Filmen übernimmst du häufig Regie, Kamera und Schnitt selbst. Wie wichtig ist es für dich, diese verschiedenen Ebenen eines Films selbst in der Hand zu haben, und wie entwickelt sich ein Film bei dir von der ersten Idee bis zum fertigen Werk?

Raphael Reichl: Das ergab sich bisher, weil ich von einer unabhängigen Filmausbildung für Experimentalfilm komme, wo man meistens ohne Geld einfach mal macht. Dadurch, dass ich die Filmbranche nicht gut genug kannte, hinterfragte ich keine andere Herangehensweise. So habe ich es während meiner Studienzeit einfach selber gemacht und finanziert. Es interessierten mich auch alle Medien, und ich lernte als Autodidakt. Daher konnte ich bei meinen Filmen alle Bereiche selbst übernehmen. Natürlich sind viele Fehler daraus entstanden, weil man nicht alles zugleich kontrollieren kann, aber es war ein guter Lernprozess. Die Technik heute hilft schon viel nach. Ich bin jedoch bemüht, meine zukünftigen Filme kollektiv umzusetzen. Es macht einfach viel mehr Spaß und ich glaube auch mehr an die kollektive Kreativität. Persönlich bevorzuge ich aber kleine Teams und Produktionen.

Meine Filme entstanden bisher sehr intuitiv und relativ spontan im Laufe einer Reise oder Recherche. Durch meine Auslandsaufenthalte lernte ich lokale Menschen und ihre persönlichen Geschichten kennen. Die Begegnungen mit den Menschen lösten in mir Ideen aus, und ich begann sie daraufhin zu porträtieren. Das Schreiben eines Filmes erlerne ich gerade erst jetzt, während des Start-Stipendiums – ein wichtiger Prozess, auch wegen der Finanzierung des Filmemachens. Allerdings liebe ich es, wenn mich unerwartete Situationen vor der Kamera überraschen. Zum Beispiel bei Paradise Inside wusste ich gar nicht, dass gerade Vollmond ist.

Filmstill aus "Paradise Inside" (2024, 10 min) mit unvorhergesehenem Vollmond.

Den Trailer zu Paradise Inside (2024, 10 min) findet ihr hier.

Kannst du uns dein neues Filmprojekt Für das Glück der Anderen beschreiben? Worum geht es und was möchtest du mit dem Film erzählen?

Raphael Reichl: Ich muss dazu die Entstehungsgeschichte zuerst erklären. Das Filmprojekt ist sehr komplex und bekam einen unerwarteten Wendepunkt. Es ist ein Film, den ich gemeinsam mit meinem Freund Moritz begonnen habe. Ursprünglich ging es vor allem um Menschen, die während ihres Asylverfahrens in Österreich als Essenslieferanten arbeiteten, dann auch um Geflüchtete in Griechenland, ihre Fluchtgeschichten sowie die Menschenrechtsverletzungen in den Camps auf den griechischen Inseln. Über mehrere Jahre begleiteten wir schließlich dutzende Geflüchtete aus Iran, Syrien, Afghanistan und sogar Marokko und versuchten, ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten mit der Kamera festzuhalten. Das Projekt wurde dabei immer größer und irgendwann auch zu umfangreich, um noch eine klare Form zu finden. Der große Umbruch zu dem neuen Filmprojekt entstand durch den Suizid von Moritz. Im Verlauf seines Lebens und vor allem in der Phase des Filmprojekts entwickelte sich bei ihm eine psychische Krise, die sukzessive in eine Psychose mit Verfolgungswahn endete. Letztlich glaubte er, man würde ihn aufgrund seines Filmprojekts nach Afghanistan abschieben wollen.

Im neuen Film konzentriere ich mich deshalb auf Hasib und Yaser, zwei Männer aus Afghanistan, deren Lebenswege wir über mehrere Jahre begleitet haben. Nach Moritz’ Tod habe ich begonnen, das umfangreiche Material wieder zu sichten und mich noch einmal mit den Bildern und unseren gemeinsamen Erlebnissen auseinanderzusetzen. Neben den Geschichten von Hasib und Yaser erzählt der Film heute auch von Moritz. Dabei geht es um eine Verschränkung zwischen Beobachter und Beobachtetem.

Wie hat sich dein Blick auf das damals entstandene Material durch Moritz Tod und die Jahre, die seither vergangen sind, verändert?

Raphael Reichl: Ich habe relativ bald nach Moritz’ Tod auf das Material zurückgegriffen. Die ganze Tragik um Moritz versuchte ich durch die gemeinsame Arbeit am Filmprojekt aufzuarbeiten. Ich musste zuerst mal selber verstehen, was passiert ist. Ich erinnere mich noch, wie viele Gefühle in mir aufwühlten, als ich die ersten Male Moritz’ Stimme in den Kopfhörern hörte, als würde er weiterhin leben. Sogleich berührten mich viel mehr die Szenen, in denen Konflikte zwischen Moritz und den Protagonisten, die andauernden Scherze und das gegenseitige Necken zwischen ihnen vorkamen. Das Lachen und das Verzeihen. All das, was man eigentlich nicht als „journalistisch“ professionell erachten würde, hat mich am meisten begeistert. Trotzdem beschäftigte ich mich sehr lange damit, zu Ehren Moritz’ einen Film mit dem „objektiven“ Blick auf die Anderen zu realisieren, wie die ursprüngliche Vision. Ich habe lange gebraucht, mir das schlechte Gewissen gegenüber Moritz auszureden, meinen eigenen Film daraus zu machen. Der Film lebt viel mehr durch die zusätzliche Geschichte von Moritz und den Freundschaften mit den Protagonisten.

Du möchtest Tagebucheinträge und Texte von Moritz mit deinen eigenen Erinnerungen und einer persönlichen Voice-over-Ebene verbinden. Wie stellst du dir das Verhältnis zwischen diesen beiden Perspektiven vor?

Raphael Reichl: Für mich stellt sich hier noch eine Herausforderung, die ich im Laufe der Montage ausprobieren möchte. Ich möchte dabei sehr sorgfältig mit Moritz’ privaten Dokumenten umgehen. Sie gaben mir einen Einblick in seine Gedanken während seiner psychischen Krisen. Ich möchte unsere Beziehung durch meine Erinnerungen hauptsächlich aufarbeiten und mich mit den Symptomen, die bei Moritz auftraten, beschäftigen, mich innerhalb meiner Rolle und Verantwortung innerhalb unserer Gesellschaft dafür sensibilisieren. Meine Idee ist, dies im Film in Beziehung zu setzen, indem ich meine heutige Position am Schneidetisch zeige. Ich entscheide, welche Bilder weiterleben, welche Beziehungen sichtbar werden und wie ich auf das Material zurückblicke.

Filmstill aus "La Escondida" (2023, 52 Min.) über einen versteckten Protagonisten, der durch die Seele der Natur spricht.

Den Trailer zu La Escondida (2023, 52 min) findet ihr hier.

Für das Glück der Anderen beschäftigt sich auch mit Empathie, Projektion und Selbstverlust und mit der Frage, was es bedeutet, sich über lange Zeit mit den prekären Lebensrealitäten anderer Menschen auseinanderzusetzen. Was möchtest du durch den Film über dieses Verhältnis von Engagement und Überforderung herausfinden?

Raphael Reichl: Das sind natürlich viele Gedanken, die in den Film hineinspielen. Wie viel jemand sich sozial engagieren möchte und wie viel Raum dafür im eigenen Leben bleibt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Was ich mit Moritz erzählen möchte, ist zunächst, dass er sich über lange Zeit freiwillig und sehr intensiv mit den prekären Lebenssituationen geflüchteter Menschen auseinandergesetzt hat. Natürlich standen dabei auch das Filmprojekt und seine eigene Selbstverwirklichung im Raum. Gleichzeitig war er Idealist und wollte mit dem Film von Anfang an unbedingt helfen. Er verschob deshalb immer wieder unsere Deadline, kümmerte sich um Dokumente und Übersetzungen und begleitete Protagonisten zu ihren Anwälten. Ich selbst versuchte nebenher eher, das Filmprojekt voranzubringen. Schon damals empfand ich es als überfordernd, gleichzeitig für sechs Menschen Verantwortung übernehmen zu wollen. Dabei hatte ich oft den Eindruck, dass die Protagonisten selbst mit ihren prekären Situationen gelassener umgehen konnten als Moritz. Sie kannten ihren jeweiligen Status und wussten, was auf sie zukommen konnte, während Moritz vieles davon sehr stark an sich heran ließ. Diese Spannung interessiert mich im Film. Wo endet Empathie und wo beginnt die Projektion der eigenen Angst auf die Lebenssituation eines anderen Menschen? Und was passiert, wenn der Wunsch zu helfen so stark wird, dass man selbst immer mehr Teil dieser Situation wird?

Moritz’ psychische Krise möchte ich dabei nicht einfach aus seinem Engagement heraus erklären. Sie war komplexer und lässt sich im Nachhinein nicht auf einen einzelnen Auslöser zurückführen. Aber seine intensive Beschäftigung mit den Krisen und Lebensrealitäten anderer Menschen ist Teil dieser Geschichte und wird im Film sichtbar. Gleichzeitig geht es mir auch um eine gesellschaftliche Ohnmacht gegenüber Gewalt und Krisen, die uns täglich über die Medien erreichen. Ich kenne dieses Gefühl auch von mir selbst, wenn ich mich von den Bildern immer wieder abwenden muss, weil ich sie psychisch nicht mehr ertragen kann. Gleichzeitig möchte ich mit dem Film nicht bei dieser Ohnmacht stehen bleiben. Denn neben all den Krisen zeigt das Archiv auch etwas sehr Positives, dass aus der Begegnung mit Menschen, die uns zunächst fremd sind, echte Freundschaften entstehen können. Zwischen Moritz, Hasib, Yaser und anderen Protagonisten sind Beziehungen entstanden, die über das ursprüngliche Filmprojekt hinausgingen. Für mich liegt darin auch etwas Gesellschaftliches, nicht nur über andere Menschen zu sprechen oder ihre Lebensrealitäten zu beobachten, sondern ihnen tatsächlich zu begegnen und Teil eines gemeinsamen Lebens zu werden.

Webseite Raphael Reichl

Portraitfoto © Cinema Next | Daniel Hill

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