Portraits & Interviews
September 2026
Julia Reiter | BMWKMS Startstipendiatin 2026
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„Wer bin ich für den anderen, und wer bleibt übrig, wenn dieses Bild von mir zerbricht?”
Julia Reiter, 1988 in Melk geboren, studierte zunächst Soziologie und Philosophie und anschließend Buch und Dramaturgie sowie Regie an der Filmakademie Wien. Ihre Filme Im engsten Kreis (2019) und Applaus (2021) wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt, darunter Diagonale, Vienna Shorts und das Uppsala Short Film Festival. Ihr aktueller Film Hohe Tiere (2024) befindet sich derzeit in Postproduktion. Für das Startstipendium 2026 arbeitet Julia an ihrem ersten Langfilm ROLLENSPIELE.
Du hast an der Filmakademie Wien, unter anderem bei Michael Haneke, Regie studiert. Was hast du aus der gemeinsamen Arbeit mitgenommen und welchen Einfluss hat das auf deine eigene filmische Arbeit?
Julia Reiter: Ich konnte viel mitnehmen. Haneke ist ein Adlerauge. Und ich bin froh, dass ich bei ihm studieren konnte. Irgendwann war es mir aber auch wichtig, mein Eigenes zu finden. Meine Art der Erzählung braucht zum Beispiel deutlich nähere Einstellungen, um sich zu vermitteln. Manche Momente, Blicke und Gesten gehen ansonsten zu schnell verloren. Und für die interessiere ich mich besonders.
Du hast bisher vor allem Kurzfilme realisiert und dabei auch selbst die Drehbücher geschrieben. Was verändert sich für dich beim Schreiben und Entwickeln eines Langfilms und was ist daran gerade besonders spannend?
Julia Reiter: Die Erfahrung, selbst Kurzfilme zu schreiben und im nächsten Schritt auch zu realisieren, hat mir geholfen, ein stärkeres Gefühl für die Dauer einzelner Szenen zu bekommen. Bei meinem letzten Kurzfilmprojekt Hohe Tiere war eine Szene ohne Dialog mit nur drei oder vier Sätzen im Drehbuch beschrieben. Im finalen Film dauert sie aber knapp zweieinhalb Minuten. Jetzt weiß ich zumindest, dass ich Szenen ohne Dialog, viel präziser in ihrem Handlungsablauf beschreiben muss, damit andere Departments später auch wissen, wie viel Zeit für solche Szenen berücksichtigt werden sollte. Das Schreiben eine Langfilms finde ich insofern spannend, weil man sich, anders als beim Kurzfilm, hinsichtlich der Erzählzeit und der Figurenentwicklung ein bisschen mehr ausbreiten kann. Neu und spannend ist für mich dabei auch, nicht den roten Faden zu verlieren.
Kannst du uns dein neues Projekt MARATHON beschreiben? Worum geht es und was interessiert dich an David und seiner Geschichte?
Julia Reiter: Der Film erzählt von David und Eva, einem jungen Paar, das sich über Rollenspiele immer wieder neue Bilder voneinander erschafft. Sie spielen mit Identitäten, mit Nähe und Distanz, mit der Frage, wer der andere für einen sein kann. Gleichzeitig beginnt David, sich auf die Suche nach seinem unbekannten Vater zu machen und stößt dabei auf Geschichten, Erinnerungen und Vorstellungen, die seine eigene Vergangenheit und sein Bild von der eigenen männlichen Identität verändern.
Während Eva beginnt, sich von ihrem bisherigen Leben zu lösen und eine eigene Zukunft aufzubauen, wird auch ihre Beziehung schwieriger: David hält immer stärker an dem Bild fest, das er von ihr hat. Was zunächst spielerisch und liebevoll wirkt, wird zunehmend zu einem Versuch, den anderen festzuhalten und zu definieren.
Mich interessiert besonders, wie wir Menschen durch die Bilder lieben, die wir von ihnen haben – und was passiert, wenn diese Bilder nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Die Rollenspiele, die Vatersuche und die Beziehung zwischen David und Eva sind für mich unterschiedliche Formen derselben Frage: Wer bin ich für den anderen, und wer bleibt übrig, wenn dieses Bild von mir zerbricht?
Das Konzept klingt nach einem Film, der stark von seinen Schauspieler:innen getragen wird. Hast du für David, Eva und die anderen Figuren bereits bestimmte Schauspieler:innen im Kopf? Und wie stellst du dir den Castingprozess vor?
Julia Reiter: Ich möchte den Menschen schon gerne zuschauen und zuhören. Ist es nicht so, haut´s mich raus. Deshalb finde ich eine gute Besetzung immer essentiell. Gerade habe ich noch keine potentiellen Schauspieler:innen im Kopf, aber ich freue mich auf den Prozess und noch mehr auf den Moment, wenn man sich dann final entschieden hat.
Die Beziehung zwischen David und Eva verändert sich langsam und ohne große Eskalation. Was interessiert dich an diesem leisen Kippen von Beziehungen und wie möchtest du diese Veränderung filmisch erzählen?
Julia Reiter: Manchmal vergeht die Zeit schnell; dann findet man sich in Situationen wieder, wo es schwer fällt, genau zu benennen, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Momentan interessiert mich Veränderung, die schleichend passiert. Es ist das fast Unsichtbare, wo ich gerne hinschaue. Eine Erzählung, ohne große Eskalation, soll nicht bedeuten, dass sie ohne Spannung auskommt. Keiner soll sich langweilen. Das wäre zumindest mein wichtigstes Ziel.
Welche Filme kommen dem am nächsten, wie du selbst Filme machen möchtest? Gibt es Vorbilder im Film oder auch außerhalb des Films, die dich bei ROLLENSPIELE inspirieren?
Julia Reiter: Um ehrlich zu sein sind es oft einzelne Szenen, selten ganze Filme, die ich inspirierend finde.
Athina Rachel Tsangari – Attenberg:
Marina liegt mit ihrem Vater im Bett und die beiden schauen eine Dokumentation von David Attenborough. Irgendwann beginnen sie, die Tiere aus der Dokumentation nachzuahmen. Daraus entsteht zwischen den beiden ein merkwürdiger, fast choreografischer Tanz. Die Szene ist gleichzeitig komisch, absurd und sehr intim. Ich mag besonders, dass ihre Nähe nicht über einen Dialog erklärt wird, sondern über ein gemeinsames Spiel und ihre Körper entsteht.
John Cassavetes – Husbands:
Besonders die London-Episoden sind mir im Kopf geblieben: Die drei Männer lernen jeweils eine Frau kennen und verbringen mit ihr Zeit in den Hotelzimmern. Die Begegnungen entwickeln sich jeweils ganz unterschiedlich – mit unterschiedlichen Stimmungen, einer eigenen Lebendigkeit und teilweise auch einer großen Unbeholfenheit. Mich interessiert, wie sehr sich die Atmosphäre und die Beziehung zwischen zwei Menschen innerhalb einer einzelnen Szene verändern können und wie wenig diese Momente manchmal nach einer „gebauten“ Filmszene wirken.
Mascha Schilinski – In die Sonne schauen:
Mir ist eine Szene im Kopf geblieben, in der ein kleines Mädchen seiner Mutter folgt, während diese mit einem anderen, etwas größeren Mädchen weitergeht. Plötzlich kippt die Szene in eine Art innere Vorstellung – ich glaube, das Mädchen bleibt zurück oder verschwindet. Ich erinnere mich vor allem an diesen Moment, in dem etwas Alltägliches plötzlich in eine ganz andere, fast unheimliche Möglichkeit kippt. Ich mag, dass der Film solche inneren Bilder nicht erklärt, sondern sie einfach als Teil der filmischen Realität stehen lässt.
Portraitfoto © Cinema Next | Daniel Hill
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