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September 2026

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Mary Sarsam | BMWKMS Startstipendiatin 2026

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„Ich sehe einen großen Wert in Archiven des Alltäglichen und Gewöhnlichen und was man aus denen lernen kann”


“Es ist der Ort, an den ich mich wende, wenn ich mich verzaubern lassen oder träumen möchte”

“Ich denke, fiktive Elemente finden sich sehr natürlich in der Arbeit mit Erinnerungen und Geschichtsschreibung”

“Ich möchte lediglich versuchen, die kleinen Spuren die mir hinterlassen wurden, zu verstehen”

Mary Sarsam ist Künstlerin, Filmemacherin und Forscherin. Ihre künstlerische Praxis umfasst Film, Performance, Musik, Schreiben und kollaborative Projekte und beschäftigt sich häufig mit räumlichen, ökologischen und historischen Verbindungen zwischen ihren aktuellen Lebensorten. In ihren Arbeiten verbindet sie dokumentarische Recherche, Interviews, Archivmaterial und fiktionale Elemente. Für das Startstipendium 2026 entwickelt sie das Filmprojekt Mirroring Iraq from 1945–2027. Ausgangspunkt ist das 8mm-Archiv ihrer Großmutter, die als in Wien lebende tschechisch-bulgarische Frau mit ihrem irakischen Mann 1945 nach Mosul zog und das Leben im Irak der 1950er bis 1970er Jahre dokumentierte. Mary möchte mit eigenen Aufnahmen einen Dialog zwischen zwei Generationen schaffen.    

Deine künstlerische Praxis bewegt sich zwischen Film, Performance, Musik, Schreiben und Forschung. Wie haben sich diese unterschiedlichen Bereiche in deiner Arbeit miteinander verbunden und welche Rolle spielt Film dabei?

Mary Sarsam: Schreiben fühlt sich an wie mein Stoffwechsel: Ich verarbeite das, was ich aufnehme, übersetze es und versuche, es zu verstehen. Bei jedem Projekt hat sich dann eben ein bestimmtes Medium als das beste Mittel herausgestellt, um eine gewisse Geschichte oder ein Thema zu vermitteln. Manchmal habe ich auch einfach mehr Lust auf etwas Ephemeres, manchmal möchte ich jedoch etwas schaffen, das Spuren hinterlässt. Meine Liebe für Filme und meine Begeisterung für analoge Aufnahmen haben sich in meiner Kindheit entwickelt. Die spannendsten Kindheitserinnerungen mit meiner Großmutter waren, wenn sie den Projektor ausgepackt und wir uns ihre Aufnahmen angesehen haben. Für mich waren diese Aufnahmen wie geheime Einblicke in eine Familie, die ich nie ganz verstehen konnte, weil sie so gar nicht mehr existierte und man zuhause nicht viel über sie sprach. Mittlerweile wohnen die meisten Personen aus meiner Familie verstreut über mehrere Kontinente. 

Du arbeitest häufig mit Recherche, Interviews, Archiven und eigenen Beobachtungen. Wie beginnt bei dir ein Projekt und wie entwickelt sich aus einer Recherche eine filmische Arbeit?

Mary Sarsam: Wenn ich darüber nachdenke, beginnen fast alle meine Projekte eigentlich aus einer Begegnung mit einer Ungerechtigkeit oder etwas, das mir das Herz zerbricht. Das ist meine leitende Kraft, die mir die Energie und den Sinn gibt, weiterzumachen. Oft verläuft der Rest dann wie ein Schneeball, der immer größer wird. Wenn ich eine Recherche angehe, wird mein Bewusstsein auf ein bestimmtes Thema scharfgestellt. Plötzlich sehe ich es überall. So ist es mir bei meiner filmischen Arbeit From Rivers to Dust ergangen, in der ich die Geschichte von Fallujah im Irak während der US-Invasion und die Art und Weise, wie in Tunesien das Wort „Fallujah“ diesbezüglich verwendet wird, erzähle. Während der US-Invasion im Irak wurden 36.000 der 50.000 Häuser in Fallujah zerstört oder beschädigt. Seither existiert das Wort in der Tunesischen Umgangssprache, wenn es um Orte geht, an denen die Zivilbevölkerung gegen Unterdrücker Widerstand leistet, oder um Orte, die von einer großen Katastrophe getroffen wurden. Da ich Soziologie studiert habe, habe ich die Tendenz, ständig Interviews zu führen. Ich bin von Natur aus neugierig und beginne, mehr und mehr Informationen über ein Thema zu sammeln, sei es durch Einblicke in Archive, meine eigenen dokumentarischen Filmaufnahmen oder die ganzen Audioaufnahmen, die ich sammle, bis genug da ist, um ein Projekt zu entwickeln welches mit der Öffentlichkeit geteilt werden kann.

Mary Sarsam's "From Rivers to Dust" untersucht das Wort "Fallujah", das in tunesischer Umgangssprache so viel wie "Katstrophenort" bedeutet - und was es mit dem Ort macht, von dem der Begriff hergeleitet wird.

Du lebst und arbeitest zwischen verschiedenen Ländern und hast dich in deiner Arbeit immer wieder mit Verbindungen zwischen Irak, Türkei, Tunesien und Österreich beschäftigt. Welche Rolle spielen Orte und die Beziehungen zwischen verschiedenen geografischen Räumen für deine Arbeit?

Mary Sarsam: Ich finde es immer gut, sich daran zu erinnern, dass die Grenzen, die wir heute als selbstverständlich betrachten, eigentlich sehr rezente Entwicklungen sind. Wenn ich mir die Familiengeschichte meiner Vorfahren anschaue, dann ist sie durch und durch von Migration geprägt. Als meine Großmutter 1945 Wien verließ, stand die Stadt in Trümmern. Mein Großvater hatte damals Recht, dass der Irak in einem weitaus besseren Zustand war. Leider mussten sie 40 Jahre später den Irak selbst verlassen, als sich die politische Situation verschlechterte. 

Orte stehen nun mal in Beziehung zueinander. Menschen sind in Bewegung. Manche sind in ein Privileg geboren und ihnen stehen alle Türen offen, für andere wird dieselbe Art von Mobilität als illegal eingestuft. Durch die politischen und ökonomischen Systeme, in denen wir leben, finde ich es wichtig, diese Beziehungen aufzuzeigen. So wird klar, dass die Kriege und Konflikte, die wir erleben, keine Einzelfälle sind, sondern Symptome von hunderten Jahren Kolonialgeschichte, Ausbeutung und der Ausraubung von Ressourcen. Egal, ob Irak, Palästina, Syrien oder Sudan: Was man über einen Ort lernt, hilft, einen anderen zu verstehen. In meiner Arbeit versuche ich, das sichtbar zu machen.

Kannst du uns dein neues Filmprojekt Mirroring Iraq from 1945–2027 beschreiben? Worum geht es und was möchtest du mit dem Film erzählen?

Mary Sarsam: Das Ziel des Projekts war es, das 8-mm-Archiv meiner Großmutter zu erhalten und mich kritisch mit dessen Materialität und Inhalt auseinanderzusetzen. Wer stand hinter der Kamera? Wem gehört das Archiv? Für mich ist das Archiv mehr als nur Privateigentum. Ich bin der Meinung, dass auch andere Zugang dazu haben sollten. Das ist besonders wichtig für diejenigen, die nicht das Privileg haben, über eigene Archive zu verfügen. Für mich ist das Archiv ein Weg, etwas zu verstehen, das schon immer schwer zu begreifen war. Wenn wir sehen, wie Menschen leben und ihre Zeit verbringen, erhalten wir einen Einblick in einen bestimmten Teil der Geschichte, einen geografischen Raum und ein sich ständig wandelndes Kontinuum von Erzählungen, die bis in die Gegenwart reichen. Die Archive, aus denen unterrichtet werden, sind Teil einer sehr selektiven Geschichtsschreibung. Ich sehe einen großen Wert in Archiven des Alltäglichen und Gewöhnlichen und was man aus denen lernen kann. 

Ausgangspunkt des Projekts ist das Archiv deiner Großmutter Tatiana Sarsam, die in den 1940er bis 1970er Jahren im Irak gelebt hat und ihr Leben dokumentiert hat. Was bedeutet dieses persönliche Familienarchiv für dich und wann ist daraus die Idee für einen Film entstanden?

Mary Sarsam: Die Idee schwirrt mir schon seit Längerem im Kopf herum. Das Archiv ist seit mehreren Jahren meine stetige Inspiration. Es ist der Ort, an den ich mich wende, wenn ich mich verzaubern lassen oder träumen möchte. Ich denke, dieses Projekt durchzuführen ist auch ein Teil meiner Verantwortung. Sie und andere Mitglieder unserer Familie haben dokumentiert, meine Verantwortung ist es, das Festgehaltene zu verstehen, zu übersetzen und mit anderen zu teilen. 

Filmstill aus Tatiana Sarsam's 8mm Archiv, das Ausgangspunkt für Mary Sarsam's eingereichtes Filmprojekt "Mirroring Iraq from 1945–2027" ist.

Du möchtest die Aufnahmen deiner Großmutter an den Orten, an denen sie entstanden sind, mit deinen eigenen Aufnahmen aus der Gegenwart konfrontieren. Was interessiert dich an diesem Dialog zwischen den beiden Zeitebenen und den beiden weiblichen Perspektiven?

Mary Sarsam: Während des Startstipendiums habe ich viel darüber nachgedacht, welchen Mehrwert es bringen würde, eigene Aufnahmen an den Orten zu machen, an denen meine Großmutter vor 70 Jahren gefilmt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Konfrontation wirklich zum Ziel des Projekts beitragen würde. Wenn ich mir die Filme ansehe, ist es für mich viel wichtiger, die Gesten, das alltägliche Leben, die Interaktion der Leute untereinander, das Lachen, das Busseln, das Raufen und Spielen zu beobachten. Ich spüre ein größeres Verlangen, das Dokumentieren im Irak Personen zu überlassen, die einen näheren Bezug zu diesem Ort haben. Momentan ist es für mich genauso interessant, völlig ortsunabhängig zu filmen. Der Dialog zwischen den Zeitebenen ist eine Reflexion über Themen wie das Zuhausefühlen, Familie und das Sich-Verlieren in versteckten und teils imaginären Geschichten und Realitäten.  

In deiner Arbeit setzt du dich auch mit der medialen Darstellung des Irak auseinander, die das Land häufig auf Krieg und Krisen reduziert. Welche anderen Geschichten und Realitäten möchtest du mit deinem Film sichtbar machen?

Mary Sarsam: Orte als Kriegs- oder Krisengebiete zu bezeichnen, ist aus meiner Perspektive bereits eine Form der Gewalt. Dadurch wird die westliche Hegemonie aufrechterhalten, die eine Trennung in sicher vs. gefährlich, Terroristen vs. Militär, entwickelt vs. unentwickelt, usw. vorsieht. Dabei ist es wichtig zu wissen, wer diese Entscheidung trifft und welchen Zweck sie erfüllt. Die Realität der Menschen ist jedoch immer viel komplexer und vielschichtiger als die zuvor erwähnten Binaritäten. Mit meiner Arbeit möchte ich nicht über den Irak im Allgemeinen sprechen, das kann ich auch wirklich nicht. Ich möchte lediglich versuchen, die kleinen Spuren die mir hinterlassen wurden, zu verstehen. 

Du möchtest dokumentarisches Material mit fiktiven Elementen verbinden und damit die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verwischen. Was interessiert dich an dieser Form und was kann die Fiktion in deinem Projekt leisten?

Mary Sarsam: Ich denke, fiktive Elemente finden sich sehr natürlich in der Arbeit mit Erinnerungen und Geschichtsschreibung. Geschichten verändern sich ständig, besonders im Laufe der Jahre und aus unterschiedlichen Perspektiven. Ein komplettes Verständnis für eine Realität, die ich nicht selbst erlebt habe, kann ich nie erlangen, egal, wie viel ich im Archiv herumstöbere. Ich sehe es immer durch meine eigenen Augen. Deshalb habe ich losgelassen, die Geschichten möglichst „realitätsnah“ wiederzugeben, und mich stattdessen davon leiten lassen, was dabei entsteht, wenn ich nicht an einer Wirklichkeit festhalte. Es ist ein bisschen wie bei dem Versuch, sich an einen Traum zu erinnern: Wenn man sich zu sehr darauf fokussiert, kann man ihn nicht fassen, er fliegt einfach weg. Wenn der Fokus jedoch vielleicht ein bisschen schwammiger ist, ein bisschen breiter, dann kann man wieder in den Traum hineinfühlen und verstehen, worum es darin ging.

Webseite Mary Sarsam

Portraitfoto © Cinema Next | Daniel Hill

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